Stadt Gottes Mai 2010
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Arbeit
Liebe Leserinnen und Leser Geht noch mehr Demütigung? 413 Bewerbungen hat er geschrieben, aber nicht ein einziges Mal ist er zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen worden. "Wir bedauern...", "...die schlechte Wirtschaftslage...", "... bauen wir gerade Personal ab..." Immerhin Reaktionen. Neun von zehn Firmen haben ihm erst gar nicht geantwortet. Nein, Axel hat nichts verkehrt gemacht. Er hat Chemie studiert, in diesem Beruf auch gearbeitet, aber dann ging die Firma pleite. Axel hat nicht aufgegeben, er hat sich umschulen lassen, wieder neue Jobs gefunden, aber auch die fielen irgendwann dem Rotstift der Firmenchefs zum Opfer. So war das auch bei seinem letzten Job. "Wir müssen Kosten senken", sagte ihm sein Arbeitgeber. Axel wurde wegrationalisiert. Jetzt, mit 47, hat er wieder einen Job: in derselben Firma, die ihn damals auf die Strasse setzte. Nun ist er wieder unter seinen ehemaligen Kollegen. Nur mit einem Unterschied: Axel ist ein "Ein-Euro-Jobber", jemand, der für 100 Cent die Stunde arbeitet. Und dennoch ist er nicht unzufrieden. Von den rund 680 Euro, die er inklusive der Sozialleistungen bekommt, könne er leben. Und endlich, sagt er, muss er nicht mehr tatenlos daheim rumsitzen, endlich fühlt er sich wieder bazugehörig. Wenn da nicht die Kollegen wären, Sie meinten es gut, als sie ihn mittags baten: "Komm, geh mit in die Kantine." Das kann er sich nicht leisten: fünf Euro sind zuviel. Wo er doch schon 4,80 Euro für den Buss ausgeben muss, um überhaupt zu seinem Arbeitsplatz und wieder nach Hause zu kommen. Dreimal haben ihn die Kollegen eingeladen jetzt fragen sie nicht mehr, ob er mitkommt. Geht noch mehr Demütigung? Dem "Tag der (schlecht bezahlten) Arbeit" haben wir unser Titelthema (ab Seite 8) gewidmet. herzlich Ihr Albert Herchenbach
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